28/06/2026
Die moderne Makroökonomie zeigt unmissverständlich: Eingriffe in den Arbeitsmarkt entfalten selten nur eine Einzelwirkung. Wenn die Bundesregierung das Minijob-Modell abschafft oder so stark verengt, dass es praktisch seine Funktion verliert, trifft das nicht nur eine arbeitsrechtliche Sonderform. Es trifft die Mikroökonomie von Millionen Haushalten, Kleinstbetrieben, Dienstleistern, Gastronomen, Händlern, Tourismusbetrieben und regionalen Notdiensten direkt ins Mark.
Aus dieser Kombination entsteht ein verheerender Kaskadeneffekt: Der Wegfall eines flexiblen Zuverdienstes wirkt nicht isoliert, sondern direkt und indirekt auf Preise, Öffnungszeiten, Versorgung, Bereitschaftsdienste und legale Erwerbsmöglichkeiten. Viele Menschen und Familien sind auf dieses Zusatzeinkommen angewiesen. Gleichzeitig nutzen viele kleine Betriebe Minijobs nicht als Ausbeutungsmodell, sondern als flexible Überlebensstruktur in Randzeiten, Spitzenzeiten und Bereitschaftslücken.
Das Minijob-Modell ist unbestritten kein Idealzustand. Es kann Nachteile bei sozialer Absicherung, Rente und beruflicher Entwicklung erzeugen. Genau deshalb braucht es Reformen. Aber daraus folgt nicht, dass eine ad hoc durchgesetzte Abschaffung der richtige erste Schritt wäre. Im Gegenteil: Wer an diesem Symptom herumoperiert, bevor das gesamte Steuer-, Abgaben-, Sozialversicherungs- und Arbeitszeitmodell neu geordnet ist, verschärft die Krankheit.
Besonders hart träfe eine schlecht vorbereitete Abschaffung nicht zuerst Grosskonzerne, sondern jene Bereiche, die den Alltag zusammenhalten: Gastronomie, Handel, Tourismus, Beherbergung, Pflege- und Alltagsdienstleistungen, Handwerk, kleine Familienbetriebe und regionale Notdienste. Viele Gastronomiebetriebe könnten zusätzliche Personalkosten nicht einfach auf die Preise umlegen, weil dann die Gäste ausbleiben. Notdienstleistungen könnten Bereitschaft nicht mehr bezahlbar organisieren. Im Handel würden Grundbedarfsprodukte teurer. In der heimischen Tourismuswirtschaft würde das Preis-Leistungs-Verhältnis weiter kippen, während viele Menschen ihre Freizeit dann lieber im Ausland verbringen.
Damit wird aus einer vermeintlich sozialen Korrektur ein Angriff auf genau jene Sektoren, die in einer postindustriellen Ökonomie wichtiger werden: Dienstleistung, Tourismus, Gastronomie, Beherbergung, regionale Versorgung, Reparatur, Notfallhilfe und lokale Alltagsservices. Sie sind keine Nebengeräusche der Volkswirtschaft, sondern Brückenbauer des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Wer sie durch ideologische Regulierung schwächt, raubt der künftigen Sozialen Marktwirtschaft ein mögliches Fundament.
Deutschland steckt ohnehin in einer strukturellen Sackgasse: hohe Arbeitskosten, hohe Abgaben, teure Energie, rohstoffarme Industrieproduktion und zunehmende Deindustrialisierung. Andere Hochlohnländer können Teile ihrer Kostenstruktur durch Rohstoffe, Energie, Finanzkraft oder hochspezialisierte Kapitalmärkte abfedern. Deutschland dagegen kombiniert hohe Kosten mit der Verwundbarkeit eines rohstoffimportierenden Industrieexporteurs. In dieser Lage ist der Minijob keine Ursache des Problems, sondern eine Notreparatur an einem bereits überlasteten System.
Der notwendige Umbau muss deshalb viel tiefer gehen: weniger Abgaben auf Arbeit, ein einfacheres und faireres Sozialversicherungssystem, realistische Arbeitszeitmodelle, bessere Übergänge in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung, echte Altersabsicherung, aber auch neue wirtschaftliche Fundamente. Deutschland muss bei erneuerbaren Energien, moderner Heiz- und Kühltechnik, KI, Robotik, Automatisierung, Bildung und technischer Ausbildung handlungsfähig werden. Fehlende Manpower lässt sich langfristig nicht durch Bürokratie ersetzen, sondern nur durch Produktivität, Technologie und kluge Organisation.
Auch politisch ist die isolierte Minijob-Abschaffung gefährlich. Wenn Menschen gleichzeitig steigende Preise, schlechtere Versorgung, weniger Zuverdienstmöglichkeiten, teurere Dienstleistungen und den weiteren Abstieg ganzer Regionen erleben, entsteht Frust. Dieser Frust sucht sich politische Ventile. Eine solche Reform kann deshalb ausgerechnet jene Kräfte stärken, deren wirtschafts- und europapolitische Grundannahmen den strukturellen Niedergang nicht lösen, sondern weiter beschleunigen würden.
Rückwärtsgewandte und isolationistische Konzepte, wie sie im Grundsatzprogramm der AfD angelegt sind, bieten vor diesem Hintergrund keine tragfähige Antwort auf Deutschlands Strukturprobleme. Nationale Alleingänge, Abschottung, Anti-Europa-Reflexe und nostalgische Industriephantasien verhindern keinen wirtschaftlichen Bankrott. Sie würden ihn drastisch beschleunigen. Genau deshalb ist es politisch besonders fatal, durch schlecht gemachte Reformen zusätzlichen Alltagsfrust zu erzeugen, der dann einer Partei nützt, deren Programmatik den Untergang nicht stoppt, sondern beschleunigt.
Die Reihenfolge muss deshalb zwingend lauten: erst Systemreform, dann Randstrukturreform. Erst wenn Arbeit insgesamt weniger belastet wird, kleine Einkommen fair abgesichert sind, Übergänge funktionieren und Betriebe bezahlbare Flexibilität legal organisieren können, lässt sich ernsthaft darüber reden, welche Sonderformen der Beschäftigung noch notwendig sind.
Systemische Gesamtüberholung vor Abschaffung der Arbeitsmarktflexibilität.
Solange diese Gesamtüberholung ausbleibt, muss die kompensatorische Teilkomponente geschützt werden. Keine Symptombekämpfung auf dem Rücken der Schwächsten. Keine ideologische Reform, die Haushalte, kleine Betriebe, Gastronomie, Handel, Tourismus und regionale Notdienste gleichzeitig schwächt.
Hände weg vom Minijob, solange das Gesamtsystem nicht tragfähig neu gebaut ist!