04/06/2026
Hallo ihr Lieben,
heute geht es um Ballaststoffe in der Igel Ernährung während der Pflege
Der Text ist wieder etwas länger geworden, aber das Thema ist wichtig: Ballaststoffe sind nicht einfach „irgendwas zum Andicken“, sondern sollten zur Verdauung und zur naturnahen Ernährung des Igels passen.
Der Igel ist kein Obst-, Gemüse- oder Getreidefresser. Er hat ein Raubtiergebiss, einen eher kurzen, einfachen Darm und ist auf tierische Nahrung ausgelegt. Seine natürliche Nahrung besteht vor allem aus Insekten und anderen Wirbellosen, zum Beispiel Käfern, Larven, Raupen, Ohrwürmern, Tausendfüßern und ähnlichen Beutetieren.
Schnecken und Regenwürmer werden zwar auch gefressen, sind aber nicht automatisch „die ideale Igelnahrung“. In der englischen Studie von D. W. Yalden aus dem Jahr 1976 machten Käfer, Raupen und Regenwürmer nach Gewicht den wichtigsten Anteil aus. Schnecken lagen nur im niedrigen einstelligen Prozentbereich. Wenn Igel vermehrt Schnecken und Regenwürmer fressen, kann das auch ein Hinweis auf schlechte Nahrungslage sein. Zusätzlich sind Schnecken und Regenwürmer relevante Zwischenwirte für Innenparasiten, unter anderem Lungenwürmer.
Auch Igel an Obst bedeuten nicht, dass Obst zu ihrer natürlichen Ernährung gehört. Häufig sitzen an Fallobst Insekten, Larven oder andere kleine Beutetiere. Das Obst wird dann eher beiläufig mit aufgenommen. Bei Hunger oder Mangel können Igel außerdem Dinge fressen, die nicht artgerecht sind.
Auch Giardien sollte man in der Pflege zunehmend mit auf dem Schirm haben. Sie gehören zwar nicht zu den klassischen Igelparasiten wie Lungenwürmern, Haarwürmern oder Kokzidien, werden aber bei Igeln nachgewiesen und spielen in der Praxis aus meiner Sicht eine immer größere Rolle, vor allem bei weichem Kot, schleimigem Durchfall, Gewichtsproblemen oder wiederholt auffälligen Befunden.
Gerade bei Giardien halte ich Getreidezusätze für besonders ungünstig. Giardien besiedeln den Dünndarm und können die Darmschleimhaut reizen. Bei weichem Kot oder Durchfall sollte man den Darm nicht zusätzlich mit artfremden, stärkereichen Füllstoffen belasten. Auch wenn Giardien nicht einfach durch getreidefreies Füttern „ausgehungert“ werden können, ist getreidefreies, gut verträgliches und möglichst artnahes Futter in der Pflege aus meiner Sicht die sinnvollere Wahl.
Bei einem Igel, der draußen unterwegs ist und zusätzlich ein Futterhaus nutzt, ist eine extra Ballaststoffgabe in der Regel nicht nötig. Er findet bei seinen nächtlichen Streifzügen weiterhin natürliche Nahrung und nimmt dadurch auch chitinhaltige Insektenbestandteile auf.
Gerade draußen halte ich Weizenkleie für kontraproduktiv. An einer Futterstelle weiß man nie, welcher Igel mitfrisst und ob ein Tier Giardien oder andere Darmprobleme hat. Bei frei lebenden Igeln ist Kleie als Ballaststoffgabe ohnehin überflüssig. Bei einem unerkannt belasteten Igel mit weichem Kot oder Giardien können artfremde, stärkereiche Zusätze den gereizten Darm zusätzlich belasten. Deshalb gehört Weizenkleie für mich nicht ins Futterhaus.
In der Igelpflege wird häufig zu Haferflocken oder Weizenkleie geraten, um fehlende Ballaststoffe aus Insekten zu ersetzen. Ich verstehe den Gedanken: Insekten sind teuer, Weizenkleie ist günstig und erfüllt rein funktionell erstmal ihren Zweck.
Trotzdem sollte man nicht nur auf Funktionalität achten, sondern auch auf eine möglichst naturnahe Ernährung.
Ja, Weizenkleie kann als Ballaststoff wirken. Sie erhöht das Stuhlvolumen und beeinflusst die Darmpassage. Aber Weizenkleie ist ein Getreideprodukt. Der Igel ist nicht darauf ausgelegt, größere Mengen pflanzlicher Bestandteile oder Getreide optimal zu verwerten.
Sinnvoller finde ich daher, maßvoll Insekten einzusetzen.
Mein Weg war früher bei Igeln in der Pflege:
Getrocknete Soldatenfliegenlarven fein schreddern und etwa einen Teelöffel unter das Futter mischen.
Soldatenfliegenlarven liefern Struktur. Chitin erfüllt den Zweck als schwer verdaulicher Faseranteil und passt deutlich besser zur natürlichen Nahrung des Igels als Getreidekleie.
Außerdem ist Chitin für den Igel nicht völlig wertlos. Es kann durch Chitinasen, also chitinabbauende Enzyme, teilweise aufgespalten werden. In der Literatur wird beschrieben, dass beim Europäischen Igel Chitinasen in der Magenschleimhaut und im Pankreas nachgewiesen wurden.
Wichtig bleibt: Insekten sind eine Ergänzung, kein Hauptfutter während der Pflege. Auch hier gilt: maßvoll einsetzen und Zustand, Kotabsatz, Gewicht und Verträglichkeit im Blick behalten.
Was sich mir persönlich noch nie erschlossen hat:
Wir propagieren völlig zurecht getreidefreies Futter für Igel, nur um dann selbst wieder Getreide in Form von Kleie hinzuzufügen.
Für mich ist daher klar:
Wenn Ballaststoffe in der Pflege ergänzt werden müssen, dann lieber naturnah über Chitin aus Insekten als über Getreide.
Liebe Grüße
Jenny 🦔💩
Quellen:
D. W. Yalden, 1976: „The food of the hedgehog in England“, Acta Theriologica 21, S. 401–424.
https://rcin.org.pl/Content/10345/PDF/BI002_2613_Cz-40-2_Acta-T21-nr30-399-424_o.pdf
Graffam, W. S., Fitzpatrick, M. P. & Dierenfeld, E. S., 1998: „Fiber Digestion in the African White-Bellied Hedgehog (Atelerix albiventris): A Preliminary Evaluation“, Journal of Nutrition 128, 2671S–2673S.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/9868236/
Schütte, K. et al., 2025: „Endoparasites of European hedgehogs (Erinaceus europaeus) in Germany and their zoonotic potential“, Parasites & Vectors.
https://link.springer.com/article/10.1186/s13071-025-06858-0
Brustenga, L. et al., 2025: „The Spiky Side of Urban Wildlife, First Detection of a Zoonotic Assemblage of Giardia duodenalis in European Hedgehogs from Italy“, Acta Parasitologica.
https://link.springer.com/article/10.1007/s11686-025-01009-y