05/08/2026
🌞 Falls ich eines Tages meine Welt anders sehe …
Vor ein paar Tagen hat mir meine ehemalige Klassenkameradin Cordula Reimann einen Text geschickt.
Cordula und ich kennen uns aus unserer Abiturzeit. Abi 1990. 😊
Unsere Lebenswege haben uns längst in ganz unterschiedliche Richtungen getragen, der Kontakt ist lose geblieben – aber nie ganz abgerissen.
Heute lebt sie in der Schweiz. Vor ein paar Tagen schickte sie mir einen Text, den sie selbst auf Facebook gefunden hatte. Der ursprüngliche Autor oder die ursprüngliche Autorin ist mir leider nicht bekannt.
Ich las ihn – und dachte ziemlich schnell:
Ja. Da steckt verdammt viel drin, was ich unterschreiben kann.
Nicht jeden Satz. Nicht jede Formulierung.
Aber die Haltung.
Und deshalb habe ich den Gedanken aufgenommen, fachlich für mich ein wenig sortiert und durch meine ganz persönliche Wahrheitsschmiede geschickt.
Denn wenn ich eines Tages selbst an einer Demenz erkranken sollte, wünsche ich mir Folgendes:
💖 Prüft mich nicht.
Fragt mich nicht: „Weißt du noch, wer ich bin?“
Oder: „Das habe ich dir doch gerade erst gesagt!“
Wenn ich etwas nicht mehr weiß, dann mache ich das nicht mit Absicht.
Mein Gehirn kann die Information möglicherweise nicht mehr abrufen.
Gebt mir Orientierung, ohne mich vorzuführen. Ich hab im Leben genug Prüfungen gemacht, ich brauche keine weitere mehr.
💖 Stellt meine Wirklichkeit nicht in Frage.
Vielleicht glaube ich irgendwann, meine längst verstorbenen Eltern oder Großeltern leben noch.
Dann müsst ihr mich nicht immer wieder mit ihrem Tod konfrontieren, nur damit die Fakten stimmen.
Fragt euch lieber:
Was steckt hinter dem, was ich gerade sage?
Vermisse ich jemanden?
Suche ich Sicherheit?
Brauche ich Nähe?
Manchmal ist die emotionale Wahrheit wichtiger als die korrekte Jahreszahl.
💖 Nehmt es nicht persönlich, wenn ich euch nicht mehr erkenne.
Vielleicht kenne ich euer Gesicht – kann es aber nicht mehr einordnen.
Vielleicht suche ich in eurem erwachsenen Gesicht das Kind, das ihr einmal wart.
Vielleicht bin ich gedanklich gerade in einem anderen Jahrzehnt meines Lebens. Juchhuh, in Gedanken bin ich gerade erst 20 😅
Das bedeutet nicht, dass unsere gemeinsame Geschichte verschwunden ist.
💖 Lasst mich so lange wie möglich selbst tun, was ich noch kann.
Wenn Messer und Gabel irgendwann nicht mehr funktionieren, bedeutet das nicht automatisch, dass ihr mich füttern müsst.
Vielleicht funktioniert Fingerfood, kleine Schnittchen, belegte Brote oder Tapas – die habe ich immer geliebt 😋
Wenn Knöpfe schwierig werden, brauche ich vielleicht andere Kleidung.
Wenn Lesen nicht mehr geht, kann ich vielleicht noch Bilder anschauen.
Helft mir nicht, indem ihr mir alles abnehmt. Reißt mir nicht Dinge aus der Hand, nur weil es euch nicht schnell genug geht.
Helft mir dabei, möglichst viel von meiner Selbstständigkeit zu behalten. Seid geduldig, wenn ich langsamer bin als früher.
💖 Behandelt mich niemals wie ein Kind.
Ich werde vielleicht Hilfe brauchen wie ein Kind.
Aber ich werde keines sein.
In meinem Körper steckt ein ganzes Erwachsenenleben.
Mit Erfahrungen. Entscheidungen. Beziehungen. Verlusten. Erfolgen. Fehlern. Liebe.
Meine Fähigkeiten können verschwinden.
Meine Würde nicht.
💖 Nehmt meine Gefühle ernst.
Wenn ich Angst habe, dann habe ich Angst.
Auch wenn ihr keinen Grund dafür erkennen könnt.
Wenn mir etwas unangenehm ist, erklärt mir bitte, was ihr vorhabt und warum ihr mir helfen wollt.
Gerade die Intimhygiene ist ein sehr delikates Thema, wenn ich sie selber nicht mehr hinbekomme.
Wenn ich traurig bin, hilft mir nicht unbedingt der Satz: „Du musst doch nicht traurig sein.“
Setzt euch zu mir.
Tröstet mich.
Haltet meine Hand.
Hört mir zu.
Erkennt meine Gefühle an.
💖 Sucht nach dem Grund, wenn ich unruhig werde.
Vielleicht habe ich Schmerzen.
Vielleicht muss ich zur Toilette.
Vielleicht habe ich Hunger oder Durst.
Vielleicht ist mir zu warm oder zu kalt.
Vielleicht ist es zu laut.
Vielleicht verstehe ich nicht, was gerade passiert.
Vielleicht ist die Welt da draußen gerade zu hektisch für mich.
Vielleicht brauche ich einfach einen vertrauten Menschen.
Verhalten ist manchmal die einzige Sprache, die einem Menschen noch bleibt.
💖 Redet mit mir – nicht über mich.
Auch dann, wenn ihr glaubt, dass ich das Gespräch ohnehin nicht mehr verstehe.
Ich sitze da.
Also gehöre ich dazu.
Vielleicht verstehe ich nicht mehr alles, was ihr sagt. Aber ich bin da. Und möglicherweise spüre ich sehr viel mehr von eurer Haltung, eurem Tonfall und eurer Stimmung, als ihr denkt.
Bitte respektiert mich auch dann als die erwachsene Frau, die ich immer war und immer noch bin – selbst wenn sich vieles an mir verändert hat.
💖 Lasst die Dinge in meinem Leben, die mich zu mir machen.
Meine Musik.
Mein Humor.
Meine Lieblingsspeisen.
Malen.
Fotografieren.
Spazierengehen.
Viel Natur.
Tierbeobachtungen und Streicheleinheiten 🐈
Menschen, die ich liebe.
Berührungen, wenn ich sie möchte. Ich liebe Umarmungen🫂
Lachen.
Vielleicht kann ich irgendwann nicht mehr sagen, warum mir ein bestimmtes Lied etwas bedeutet.
Mein Körper kann sich trotzdem daran erinnern.
💖 Erzählt mir von früher – oder lasst mich erzählen.
Und wenn ich dieselbe Geschichte zum fünften Mal erzähle, hört vielleicht trotzdem noch einmal hin.
Für euch ist es die fünfte Wiederholung.
Für mich ist es vielleicht gerade das erste Mal.
💖 Schließt mich nicht aus dem Leben aus.
Geburtstage. Weihnachten. Familienfeiern. Ein Spaziergang. Ein Kaffee in der Sonne.
Vielleicht kann ich nicht mehr alles mitmachen.
Aber entscheidet nicht automatisch für mich, dass ich nicht mehr dazugehören. Ich möchte mich nicht abgeschoben fühlen 😕
💖 Und wenn ihr es irgendwann nicht mehr schafft, mich zu versorgen: Macht euch nicht selbst kaputt.
Liebe misst sich nicht daran, ob ihr einen Menschen 24 Stunden am Tag allein versorgen könnt.
Manchmal bedeutet Fürsorge auch, Hilfe anzunehmen.
Manchmal bedeutet Liebe, Verantwortung mit anderen zu teilen.
Und manchmal bedeutet sie, einen guten Ort zu suchen, an dem ein Mensch sicher und vor allem würdevoll leben kann.
Besucht mich dort.
Bringt ein Stück meines bisherigen Lebens mit.
Und wenn ich irgendwann euren Namen nicht mehr weiß, dann kommt trotzdem.
Denn vielleicht weiß mein Kopf nicht mehr, wer ihr seid.
Aber vielleicht weiß mein Körper noch, dass ich mich bei euch sicher fühle.
Und selbst wenn ich irgendwann nicht mehr sagen kann, dass ich euch liebe – vielleicht ist dieses Gefühl noch irgendwo in mir. In meinem Herzen, in meinem Körper, in all den Spuren, die unser gemeinsames Leben hinterlassen hat.
💖
Seit mein eigener Vater an Demenz erkrankt ist, habe ich gelernt, wie sehr diese Erkrankung unseren Blick auf einen Menschen verändern kann.
Und wie wichtig es deshalb ist, sich immer wieder daran zu erinnern:
Ein Mensch ist mehr als das, was sein Gehirn noch leisten kann.
Er bleibt Mensch.
Bis zuletzt.
Mit seiner Geschichte.
Seinen Bedürfnissen.
Seiner Würde.
Und manchmal auch mit seinem ganz eigenen Dickkopf. 😉
Danke 🙏🏼 liebe Cordula, dass du mir diesen ursprünglichen Text geschickt und damit diesen Gedanken angestoßen hast. 💖
Vielleicht brauchen wir bei Demenz weniger Korrektur.
Und sehr viel mehr innige Begegnungen.
Stella 🌟 aus dem Sonnenhaus 🌞 in Konz-Roscheid
Bekannt als "Die mit dem Rucksack 🎒"