06/08/2026
Es gibt eine Rollenverteilung, die in der Literatur zu narzisstischen Familiensystemen selten beschrieben wird, weil sie zwischen zwei bekannte Muster fällt. Das Sündenbockkind trägt für gewöhnlich die Abwertung. Das Goldkind trägt die Erwartung, dafür aber auch die Zuwendung. Beide Rollen haben, so schmerzhaft sie sind, eine gewisse innere Logik: Wer glänzt, wird belohnt. Wer stört, wird bestraft.
Manche Kinder erleben eine dritte Variante. Sie tragen die Anforderungen des Goldkindes, Leistung, Funktionieren, keine Fehler, ohne je dessen Belohnung zu bekommen. Gleichzeitig tragen sie die Härte, die sonst dem Sündenbock gilt, oft, weil sie zur Projektionsfläche für Gefühle werden, die eigentlich einer anderen Person gelten. Kein Verhalten führt zuverlässig zu Sicherheit. Nicht Anpassung, nicht Leistung, nicht Rückzug.
Bindungsforscherinnen sprechen in solchen Fällen von einer besonders belastenden Form früher Bindungserfahrung, weil das Nervensystem eines Kindes kein verlässliches Muster erkennen kann, das Schutz verspricht. Es bleibt in einem Zustand ständiger Wachsamkeit, weil die Regeln sich nicht vorhersagen lassen. Diese Wachsamkeit verschwindet im Erwachsenenalter selten von allein. Sie zeigt sich oft als chronische Erschöpfung, als das Gefühl, nie genug getan zu haben, oder als eine tiefe Unsicherheit, wann man sich wirklich sicher fühlen darf.
Was in der Heilung dabei hilft, ist selten noch mehr Verstehen. Es ist eher die langsame, oft körperliche Erfahrung, dass Sicherheit auch ohne Leistung möglich ist. Dass man gesehen werden kann, ohne zu glänzen.
Ich schreibe hier wieder regelmäßiger über die Mutterwunde und die vielen Formen, die sie annehmen kann. Folge mir, wenn dich das anspricht.