23/06/2026
Nachruf auf Bruno Spagolla
* 23.11.1949 † 10.05.2026
von Otto Kapfinger:
„Bruno Spagolla verkörperte in der so virulenten Szene der Vorarlberger Baukunst der letzten fünf Jahrzehnte eine sehr profilierte Haltung, eine eigenständige Persönlichkeit.
Aus meiner Sicht war es vor allem eines, das ihn von seinen wunderbaren Kollegen und Mitstreitern von Anfang an unterschied - und deshalb besonders wertvoll machte: während (fast) alle anderen die Gebäude als autonome, nüchterne Gerüste konzipierten, als strikt werkzeughafte Entitäten oder Problemstellungen auffassten, war für Bruno das Bauen primär die Schaffung des räumlichen, jeweils präzise ortsbezogenen Ereignisses; das Konstruktive, das Ökonomische war bei ihm immer nachgeordnet dem Anspruch, aus den jeweiligen Besonderheiten der Lage, der Topografie, der Verläufe von Licht und Schatten, von Sicht- und Wegbeziehungen des Programms am jeweiligen Platz die einzigartige, die maßgeschneiderte raumaktive Baugestalt zu kreieren.
Und aus dieser Position heraus scheute er sich nicht, da und dort auch immer wieder konstruktive Kritik an den mitunter allzu „einfach“ gestrickten, raschen Lösungen seiner Kollegen zu äußern - stets aber mit höchst nobler, maßvoller Wortwahl, und oft gemixt und leichter verdaulich gemacht mit ironischen, ja selbstironisch eingekleideten Formulierungen.
Bruno war eben kein Pragmatiker sondern eher ein sozial getrimmter Romantiker - soweit dies die ja auch ihm tief eingefleischten Gene alemannischer Vernünftigkeit nur erlaubten. Vielleicht begründete sich diese Haltung aus der Wiener Studienzeit an der Wiener Akademie im Kreis der um 1970 so revolutionslüsteren Rainer- und Plischke-Meisterklassen.
Als ich vor einigen Jahren aufgefordert wurde, für den allzu früh verstorbenen Dietmar Steiner einen Nachruf zu schreiben, suchte ich auch das Gespräch mit Bruno, um ihre gemeinsamen Anfänge am Schillerplatz in der um 1970 aufbrechenden Selbstermächtigung der Studierenden zu rekapitulieren.
Es war im Mai 2020, und es war unser letzter Telefonkontakt, und Bruno erinnerte sich: "Wir waren damals 1973 zu einem Studenten- Kongress der ETH Zürich eingeladen, wo es ebenfalls ganz radikale Umbrüche gab, und wir hatten dort erste Kontakte zu Eraldo Consolascio, Marie-Claude Betrix, Bruno Reichlin, Michael Alder und zu Lucius Burckhardt. Wir entdeckten da aus erster Hand das Wirken der "Tendenza" im Tessin und die Anfänge der neuen Szene Basel- Zürich als Folge der ETH Gastprofessur von Aldo Rossi. Wir sahen, dass es möglich und produktiv war, die Kritik am sozialen und politischen Status quo mit avancierter architektonischer Praxis zu verbinden."
Bruno übernahm damals eine wichtige Rolle in der ÖH Fachschaft an der Akademie und betrieb mit Steiner unter anderem vehement die Neuschaffung eines Instituts für Theorie und Geschichte der Architektur.
Es mögen dann auch andere Faktoren mitgewirkt haben für die Entfaltung seines in der Ländle-Szene doch immer eigenwilligen, auf produktive Distanz bedachten Profils.
Ganz typisch dazu nur ein ephemeres Moment: Im Jahr 1981 unternahm die Österreichische Gesellschaft für Architektur mit ihrem ab 1977 radikal verjüngten Kern eine erste, mehrtägige und legendäre Exkursion nach Vorarlberg, - es war auch für mich die erste Begegnung mit vielen großartigen Akteuren und erstaunlichen Bauten.
Es hatte sich herumgesprochen, dass auch Spagolla schon ein paar Sachen realisiert hatte. Doch von ihm kam dazu keine genauere Information, er tauchte an diesen Tagen auch nicht auf. Es enstand aber das Gerücht, ob von Roland Gnaiger, von Hans Purin oder Rudolf Wäger kann ich nicht mehr sagen, dass Bruno unsere Busfahrten hin und wieder mit seinem Auto auf Abstand verfolgt hätte. Er wollte seine ersten Sachen im Rahmen dieser „tour d ́horizon“ offenbar noch nicht zeigen; es war ihm zu früh, zu nahe, zu heikel, sich mit seinen Anfängen der womöglich vordergründigen Kritik der angereisten Groß- und Hauptstädter auszusetzen.
Bei meinen später so intensiven, zahlreichen und höchst inspirierenden, ja fordernden Reisen zur Reflexion und Propagierung des avancierten Bauschaffens in Rheintal und Bregenzerwald waren mir die Begegnungen mit Brunos Werk und Persönlichkeit stets besonders kostbare und wichtige, maßstabbildende Erlebnisse.
Unvergessen dabei etwa eine Fahrt als Passagier in seinem Auto von Bludenz entlang der Nordflanke des Walsertales hinauf bis über Raggal, Marul und Faschina und auf der anderen Talseite zurück wieder hinunter über Blons und Thüringerberg.
Natürlich sahen wir da etliche seiner exzellenten Bauten in dieser eindrücklichen Landschaft, in ihrem Kontext. Aber genauso stark, ja fast vitaler noch blieb mir im Gedächtnis: Alle paar hundert Meter, wenn jemand im Auto auf dieser schmalen Straße uns entgegenkam oder auch zu Fuß, blieb er stehen - das Fenster ging auf, und es begann eine Unterhaltung mit dem ebenfalls stehengebliebenen Gegenüber, - eine jeweils freundlichst bewegte Rede und lebhaft „zwitschernde" Gegenrede in einer Sprache, die ich nicht verstand, deren exotische Melodik, deren empathisch sprudelnde Dynamik mir aber vokal- und zischlautreich als Brunos walsertalerische Visitkarte und emotionale „Beheimatung“ seither nicht mehr aus dem Kopf geht.
In all seiner feinsinnigen, kritischen und auch selbstkritischen Sprödheit und seiner profunden, raumgestalterischen Meisterschaft hat mir Bruno Spagolla Wesentliches und Unvergessliches auf meinem fachlichen und sonstigen Lebensweg mitgegeben.
Ich danke dafür von Herzen!“